Meine Anamnese

 

(von mir im Juni 2012 als Beitrag für ein Interview über Lebenswege ost- und westdeutscher Ärztinnen verfasst)

Ich wurde 1967 in Erlabrunn bei Schwarzenberg im Erzgebirge geboren und wuchs in Grünhain (ca. 3000 Einwohner) auf.

Dort ging ich auf die POS (Polytechnische Oberschule, Klasse 1-10), besuchte dann die 11. und 12. Klasse der EOS (Erweiterte Oberschule) in der Kreisstadt Schwarzenberg und legte dort das Abitur ab.

Meine Schulzeit war durch gewisse Schwierigkeiten geprägt, da mein Vater in keinem volkseigenen Betrieb arbeitete, sondern zu den Wenigen gehörte, die in der ehemaligen DDR selbständig waren. Er hatte eine Metallwarenfabrik von seinem Vater in dritter Generation übernommen, bis zur Wende weitergeführt und dann aus Altersgründen geschlossen.

Meine Mutter war von Beruf Industriekauffrau und unterstützte meinen Vater in dessen Betrieb.

Mein Bruder studierte Mathematik, war Aspirant am Mathematischen Forschungsinstitut in Budapest, arbeitete später bis zur Wende an der Sektion Mathematik/ Informatik der Karl-Marx-Universität Leipzig und suchte dann nach der Wende eine neue Herausforderung. Bis zu seiner Pensionierung leitete er das Amt für Familie und Soziales in Leipzig.

Ich wurde evangelisch-methodistisch erzogen

Da mein Vater über 50 Jahre die Kirchenorgel spielte, zwischenzeitlich den Kirchenchor leitete und Kirchenvorstandsmitglied war, waren für uns jeden Sonntag Kirchenbesuche die Regel.

Oft gab es Schwierigkeiten z.B. mit den Ernteeinsätzen und dem Kirchgang, die sich sonntags überschnitten; auch meine Entscheidung für die Konfirmation war problematisch. Da einem von Seiten des damaligen politischen Systems durchaus eigene Ziele (Abitur und Studium) verwehrt werden konnten, wählte ich einen Kompromiss und feierte Konfirmation und Jugendweihe.

Trotzdem war ich dem der SED angehörigen Schulleiter immer wieder ein Dorn im Auge.

Ich wollte schon immer Medizin studieren. Seit meiner frühen Kindheit zierte ein rotes Kreuz meine Kinderzimmertür.

Nach der 12. Klasse bewarb ich mich zunächst für Zahnmedizin in Leipzig, weil ich mir -  bedingt durch meine christliche Weltanschauung und Herkunft - weniger Chancen auf einen Humanmedizinstudienplatz ausrechnete.

Einige Tage vor Ende der Bewerbungsfrist erhielt ich die Information, dass in Halle die Chancen für einen Studienplatz in Zahnmedizin realistischer als in Leipzig seien.

Ich schaffte daraufhin meine Unterlagen von Leipzig nach Halle und wurde im Sekretariat gefragt, warum ich eigentlich nicht Humanmedizin studieren wolle.

Ich war überrascht und überglücklich, dass nun mein ursprünglicher Wunsch einfach so in Erfüllung gehen sollte.

Mit der Zusage bewarb ich mich dann um das notwendige Vorpraktikum im Kreiskrankenhaus Schwarzenberg und führte auf einer chirurgischen Station ein Jahr lang Schwesterntätigkeiten durch.

Mein erstes Semester in Halle war das Wintersemester 1986/87.

Nach zehn Semestern, welche ich erfolgreich mit dem Staatsexamen abschloss, folgte ein Jahr der Pflichtassistenz in der Chirurgie und in der Inneren Medizin im „Krankenhaus St. Georg“ in Leipzig sowie vier Monate Pflichtassistenz in meinem Wahlfach Gynäkologie in der Uniklinik Leipzig.

Die Wende fand statt, als ich im 7. Semester studierte. Die bis dahin angeblich Linientreuen verließen das Land, erfreulicherweise wurde das Fach „Wissenschaftlicher Kommunismus“ incl. Prüfung gestrichen und die staatliche Unterstützung beim Finden einer Facharztstelle fiel weg. Man konnte jetzt freier entscheiden.

Ich bewarb mich nach dem Kolloquium, welches das Studium endgültig beendete, für eine Stelle als Ärztin im Praktikum. Da ich zu dieser Zeit noch nicht wusste, welche Facharztrichtung ich einschlagen wollte, bewarb ich mich auf Stellen u.a. in Kliniken für Innere Medizin, Dermatologie und Psychiatrie/Neurologie.

Neben Zusagen aus Kliniken der westlichen Bundesländer erhielt ich auch die Gelegenheit, im Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Neurologie und Psychotherapie in Großschweidnitz bei Löbau in der Nähe der polnischen Grenze tätig zu werden.

Obwohl ich zunächst keinen besonderen Bezug zur Psychiatrie hatte, nahm ich die Tätigkeit dort an und die Arbeit mit psychisch kranken Patienten gefiel mir sehr. Ich lernte sehr viel, wurde in meinem Verantwortungsbewusstsein und meiner Selbständigkeit gut geschult.

Während des AiP verliebte ich mich, heiratete, bekam meine Tochter und zog 1994 mit meinem Mann nach Freiberg.

Nach einem Jahr Erziehungsurlaub beendete ich noch meine fehlende AiP-Zeit und war zwei weitere Jahre bei einer niedergelassenen Nervenärztin tätig. Dort konnte ich von dem breiten Spektrum an Erkrankungen profitieren und hatte eine ausgezeichnete Mentorin, die besonders meine Eigenständigkeit unterstützte.

Um meine Anerkennungszeit für die Facharztausbildung zu vervollständigen, arbeitete ich noch zwei Jahre in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Hochweitzschen, jeweils ein Jahr in der Abteilung für Abhängigkeitserkrankungen und ein Jahr auf einer allgemeinpsychiatrischen Station. Parallel dazu absolvierte ich noch 2,5 Jahre eine Ausbildung zur Verhaltenstherapeutin sowie eine Hypnoseausbildung.

Am 08.06.1999 bestand ich die Facharztprüfung in der Sächsischen Landesärztekammer.

Meine Entscheidung stand schon lange fest, mich mit einer eigenen Praxis selbständig zu machen. Ich überbrückte die Planungszeit mit Betreuungsgutachten und Praxisvertretung und ließ mich dann am 15.02.2000 in Freiberg als psychotherapeutisch tätige Ärztin nieder.

Ich behandle alle psychischen Störungen bei Erwachsenen, habe mich jedoch auf die Therapie von Pat. mit Verarbeitungsstörungen bei  chronischen somatischen Leiden sowie Krebserkrankungen und Pat. mit Verlusterlebnissen in gewisser Weise spezialisiert.

Verhaltenstherapie, Entspannungsverfahren, Kriseninterventionen und Behandlungen im Rahmen der psychosomatischen Grundversorgung kommen bei mir vordergründig zum Einsatz.

Da ich selbst seit meinem 16. Lebensjahr an einer fortschreitenden Muskelerkrankung mit zunehmender Kraftminderung und Bewegungseinschränkung leide, gehe ich persönlich sehr offen mit dem Thema Krankheit um und ermuntere die Pat., auch offen Position zu ihren eigenen psychischen oder körperlichen Beschwerden zu beziehen.

Auf meiner Homepage kann jeder, der es möchte, u.a. weitere Informationen zu meinem  Krankheitsverlauf abrufen.

Viele können sich nicht vorstellen, dass man die Welt durch verschiedene Brillen sehen kann, dass man nicht unbedingt zu körperlichen Aktivitäten in der Lage sein muss, um etwas zu erleben und man auch mit einer Behinderung glücklich sein kann. Es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten, das Leben zu genießen.

Die Zeit der Niederlassung war geprägt durch das Fortschreiten meiner Muskelerkrankung und andere vielfältige Schwierigkeiten. Es gab Kämpfe um den Behindertenparkplatz vor der Praxis und vorher Probleme bei der Anerkennung des Grades der Behinderung (GdB 80 mit aG).

Die Auseinandersetzungen mit der Bürokratie stellten allerdings eine wichtige Selbsterfahrung für mich dar, die heute meinen Patienten zugutekommt. Für andere kann ich noch besser kämpfen als für mich selbst.

In den vielen Jahren meiner Niederlassung habe ich mich stark vernetzt, arbeite u.a. mit den Ärzten anderer Fachrichtungen, den Psychotherapeuten unserer Region, den Heilpraktikern, dem Diakonischen Werk sowie den Krankenhäusern eng zusammen.

Mein Mann, der ursprünglich Bauingenieurwesen studiert und ab 1992 mit meinem Schwiegervater ein eigenes Baugeschäft geführt hatte, welches auf Grund fehlender Zahlungsmoral der Kunden 2008 Insolvenz anmelden musste, hat eine umfangreiche Hypnoseausbildung absolviert, sich als Paarberater qualifiziert und durch die Amtsarztprüfung seine Anerkennung als Heilpraktiker für Psychotherapie erhalten.

2012 gründete ich mit meinem Mann die Praxisgemeinschaft „Kreher & Kreher“, um psychisch kranken und belasteten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Psychotherapie und Alternativen mit ganzheitlichem Ansatz anbieten zu können.

Es ist dabei sehr schade, dass viele meiner psychotherapeutischen Kollegen eindeutig Position bezogen und mit ausgeprägtem akademischen Elite-Denken abgelehnt haben, dass zum Beispiel von der Kasse zugelassene Psychotherapeuten und andere Therapeuten wie Heilpraktiker sowie Psychologische Berater auf Empfehlungslisten für Patienten, Institutionen und Ärzte gemeinsam stehen.

Mir ist dies alles sehr fremd, da der grundlegende Gedanke doch sein sollte, dass wir alle den psychisch belasteten Menschen helfen wollen.

Zusammenfassend möchte ich meinen Patienten vermitteln, dass trotz Behinderung vieles möglich ist.

Man muss sicher oftmals härter als andere um seine Ziele kämpfen, braucht viel Enthusiasmus, muss belastbar sein und oft auch eigene Bedürfnisse zurückstecken – aber es lohnt sich und prägt die eigene Persönlichkeit.

Von mir kann ich sagen, dass ich auch noch nach 20 Jahren nicht nur meinen Mann und meine Tochter, sondern auch meinen Beruf liebe und jeden Tag gern zur Arbeit gehe.

Weiterhin hoffe ich, dass ich meine Tochter Johanna Marie mit meiner Liebe zur Psychiatrie und Psychotherapie nachhaltig angesteckt habe. Im Rahmen einer besonderen Lernleistung (BeLL) in der 12. Klasse (2011/2012) verglich sie u.a. die diagnostischen Spektren in psychiatrischen/ psychotherapeutischen Praxen in Argentinien, Namibia und Deutschland - Titel der Arbeit war:

Vergleich der behandelten Patienten

vom 01.01.2009-31.12.2009

in einer namibischen, deutschen und argentinischen

Praxis für Psychiatrie und Psychotherapie

Wer weiß? – Vielleicht findet sie auch einmal Freude an der Psychotherapie und Psychiatrie und tritt in meine Fußstapfen – ich würde mich sehr darüber freuen.